Maren Wienigk
NETZ. Vom Spinnen in der Kunst

Fragen nach Wissen, Wahrheit und Erkenntnis sind immer auch Fragen des Kontextes und des Standpunktes.
Julia Schmid wählte für ihre Arbeit Eine Kritik aus der Serie Überschreibungen jeweils leicht verzerrte Leinwände, die je nach Raumsituation und wechselnden Perspektiven unterschiedlich wahrgenommen werden können. Vier Monate lang übertrug die Künstlerin mit Feder und Chinatusche den Text von Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft (1788)- dessen Inhalte immer mehr zum Kollektivwissen werden- auf die Leinwände. Die Zeilen der Abschrift verlaufen vertikal und sind in beide Richtungen bis zu 7 mal überschrieben; der Rhythmus zwischen Zeilen und Leerstellen spiegelt dabei die Kapitel des Buches wider.
Ober-und Unterlängen der Buchstaben brechen aus dem feinmaschigen Geflecht hervor, das sein Wissen nicht mehr preisgibt und in seiner Gesamtheit an kalligraphische Meisterwerke aus vergangenen Zeiten erinnert. Eine Kritik scheint paradigmatisch für eine Gesellschaft, die immer schneller immer mehr Informationen sammelt, überlagert und austauscht, Erkenntnisse suggeriert und in dieser Fülle Sinn, Wissen und Verständnis stört und erschwert.